Donnerstag, 5. April 2012

Zwilling

Und ich sehne mich nach dir. Ja, ich habe dich schon vermisst, als ich noch nicht alleine atmen konnte. Sag, wo bist du? Wo versteckst du dich, du verlorener Teil von mir?

Du bist mein Gegenstück, die andere Hälfte von mir. Und ich weiss, wo ich schwach bin, bist du stark und wo ich unsicher bin, schenkst du Zuversicht und wo ich Berge sehe, bist du mein Meer. Wo bist du nur? Du verlorener Teil von mir?

Sag, suchst du jetzt gerade auch nach mir? Denkst du wie ich daran, wie es wohl ist, wenn wir uns erst einmal finden? Fühlst dich ebenso wie ich, manchmal unbezwingbar und stark dann wieder einsam und leer? Wo bist du bloss, du mein Gegenstück?

Ist heute der Tag, wo wir uns endlich begegnen; uns erkennen und uns freundlich die Hände geben? Ist er jetzt oder morgen oder erst in einem Jahr oder nie? Sag, wo bist du? Wo versteckst du dich, du verlorener Teil von mir?

Sag bist du das? Mein Gegenstück, der grosse und lange verschollene Teil von mir? Ich werde es wissen, wenn ich dir endlich in die Augen blicke und meine Seele darin erkenne. Dann erst werde ich ruhen und denken, alles ist gut.

Und ich weiss, nur du wirst mich nicht bloss sehen, sondern du wirst mich erkennen.
Bis dahin werde ich warten, weiter kämpfen und kunterbunte Tagträume träumen.

 

Solfeggio

Geschlossene Augen. Angenehme Schwere bettet mich ein, umschliesst mich wie eine Plazenta ihr schutzloses Kind. Langsam sinke ich und tauche ich ein.

Ein und aus. Ich atme ein und aus. Tief in mir drin ist wo du jetzt wohnst. Hier bist du sicher, beschützt und auch warm. Unendlichkeit ist es, ein Raum ohne Zeit. Das ist unser Ort, ein Ort nur für uns zwei.

Ein und aus. Ich atme ein und aus. Langsam schwebe ich, heraus aus dem Leid. Und Klänge schmiegen sich an mich, sind Kaninchenfell weich. Sie wiegen mich sanft, wie eine Mutter ihr Kind. Und sie wiegen mich weiter, immer weiter zu dir.

Ein und aus. Ich atme ein und aus. Ruhig bin ich bald, geborgen und warm. Sinke tiefer und tiefer, hin zu diesen Ort, der weder Schlaf ist noch Traum. Und ich verschmelze mit den Gedanken auf der Suche nach Harmonie, hin zu diesem Ort, der behütet ruht, sanft und tief in mir drin.

Ein und aus. Ich atme ein und aus. Und mein Herzschlag wird träge, erlöst meine Wirren. Und mit jedem Atemzug komme ich näher, komme näher zu dir. Und aus Dunkelheit werden Lichter, werden Klänge und Farben. Das sind Bilder, Gesichter meiner Welt, und sie lachen mir zu.

Ein und aus. Ich atme ein und aus. Und hier spür ich dich endlich, weiss jetzt bist du da. Musst auch nichts sagen, denn deine Wärme bloss, ist was ich nun brauch. Keine Welten oder Wahrheiten sind es, die uns hier trennen. Nicht die Realität, nicht die Geschichte; nein, noch nicht mal der Tod! Das ist unser Ort, der Ort nur für uns zwei.

Ein und aus. Ich atme ein und aus. Körperlos stehen wir uns gegenüber, einzig mit dem Wunsch bald zu verschmelzen. Und wenn wir kollidieren, uns endlich innig absorbieren, ist es die Liebe, die uns beflügelt, Dimensionen überwindet. Das unser Ort, der Ort nur für uns zwei.

Ein und aus, ich atme ein und aus. Ruhig und tief bin ich jetzt ganz nah bei dir. An einem Ort ohne Namen, wo Zeit man nicht kennt.

Und endlich ich bin bei mir, denn jetzt bin ich bei dir!


Dienstag, 3. April 2012

vom Aufstieg


Und so steige ich auf. Meter um Meter. Schritt um Schritt. Langsam, ganz langsam und stetig. Die Muskeln in meinen Beinen brennen, jede Bewegung eine Anstrengung.

Und die Steine sind lose. Granit glänzt in der Sonne und strahlt Wärme ab. Sie fühlt sich gut an, gepaart mit dem kühlen Wind, der sich unwirsch mit dem Berg zu messen scheint. Ich atme tief ein, soweit bis es nicht mehr geht. Sauge sie auf, genussvoll und regelmässig, diese klare Bergluft. Und spüre dabei, wie sie langsam dünner wird; mich weniger nährt.

Mein Puls geht jetzt schneller, trotz gleichbleibendem Tempo. Ich geniesse dieses Gefühl von leichtem Schwindel, der mich wohlig überkommt, mich gar wenig erregt.

Ein weiterer Tritt und noch einer dazu, passiere ich den nächsten Felsvorsprung.

Schreck!!! Ich wanke, die Luft bleibt mir weg. Es ist der Wind. Er schüttelt mich durch, bringt mich zum Taumeln. Aggressiv stösst er von unten nach oben, so als wolle er alles mit sich reissen, was sich nicht halten kann. Und ich stelle mich auf den Felsen. Fest und voll Vertrauen. Breite meine Arme aus und schliesse die Augen.

Und ich fühle den Wind. Fühle seinen Kampf. Und so kämpft er mit dem Felsen. Rauschen, Toben und Schreien. Und in Gedanken lasse ich los. Fliege mit ihm mit, fliege zum Himmel; schwerelos und frei.

Es sind die letzten Schritte. Nur noch ein paar Meter, dann ist der Grat endlich erreicht. Und mein Herz lacht vor Freude. Weite vor mir.

Wolken ziehen vorbei und lösen sich auf. Und es gibt keine Grenzen. Alles ist flüchtig, auch der Moment. Und hier bin ich zuhause, hier bin ich daheim. Glücklich, riesig und doch verschwindend klein.